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04.06.2017

Redebeitrag zum CSD 2017

„Mitdenken“ allein reicht nicht!

Wir feiern hier heute nicht die weit verbreitete Langeweile der schwulen Mainstream-Kultur oder die hippe Scheiße der Event-Agenturen.

Wir feiern die tagelangen Straßenschlachten, die im Juni 1969 von der Christopher Street ausgingen! Wir feiern den Aufstand der Drag-Queens und Transsexuellen, der Schwulen und Lesben, der Queers gegen die ständigen Kontrollen und Schikanen der Polizei! Wir feiern die Latinas und People of Colour, die das Risiko der Verhaftung eingingen, um sich gegen Misshandlungen und Willkür zu wehren, denn sie waren die ersten, die den Aufstand wagten! Wir feiern, dass daraus eine Bewegung entstehen konnte, die es auch den heimlichen, den spießigen, den einsamen Homosexuellen ermöglichte, selbstbewusst leben zu können! Wir feiern die Wut und den Aufruhr der Ausgegrenzten, mit der sie uns allen ein freieres Leben erkämpft haben.

Ist es heute angesagt, die Drag-Queens, die Transmenschen, die Uneindeutigen, die Transen und Tunten, die Lesben, die queeren Geflüchteten zu feiern? Nein, nicht besonders. Für uns gibt es keinen Grund, die Langeweile und das Korrumpierende des Mitdenkens zu feiern. Wo Mitdenken nichts anderes bedeutet als Mitmachen, da machen wir nicht mit. Wir machen nicht mit bei einer Politik, die es geflüchteten Queers verweigert, hier bleiben zu können, obwohl sie in ihrem Herkunftsland verfolgt werden! Wir denken den rassistischen Müll nicht mit, den die Populisten und Populistinnen in ganz Europa auskotzen! Wir sehen uns angesichts der Geschichte des CSD in der eindeutigen Verpflichtung, queere Geflüchtete und alle von Rassismus und patriarchaler Gewalt betroffene Menschen zu unterstützen.

Es ist kein Zufall, dass es so gut wie keine schwulen, lesbischen, keine queeren Orte mehr gibt in Hannover. Die Unsichtbarkeit vieler Lesben und Schwuler führt zu der Illusion, die Enttabuisierung homosexuellen Lebens bedeutete automatisch die Unmöglichkeit der Wiederkehr von Verfolgung und Diskriminierung. Wir halten solches Denken für gefährlich. Die populistischen rechten Bewegungen und Parteien in ganz Europa, Russland und den USA zeigen uns, dass der Kampf um Emanzipation immer gefährdet bleibt, solange es keine umfassende, gleichberechtigte Teilhabe Aller an der Gesellschaft gibt.

Was wirkliche Toleranz von Scheintoleranz unterscheidet, ist das Wissen um die Unterschiede und das Akzeptieren des Anderen als Anderen. Wer nur unter der Bedingung akzeptiert wird, dass er oder sie sich der zweigeschlechtlichen Hetero-Gesellschaft anpasst, hat nicht gewonnen. Dem und der wird die Ruhe nur auf Kosten des Stillhaltens zugestanden.

Seid nicht still! Werdet hörbar, werdet sichtbar! Der CSD feiert nicht die Versteckten. Er feiert die, die sich nicht verstecken können und wollen. Wir brauchen schwule Orte, lesbische Orte. Orte für Trans- und Intermenschen und wir brauchen auch Orte für alle. Orte, in denen kein Begehren und keine geschlechtliche Identität in Frage gestellt wird – aber mit denen wir gleichzeitig das, was als normal gilt, in Frage stellen können. Wir brauchen mehr Orte wie die Schwule Sau, die seit 26 Jahren einen unkommerziellen Raum für alle bietet, ohne dass sich irgendwer unsichtbar machen muss. Wir brauchen in Hannover solche Orte zum Feiern, Saufen, Diskutieren, Singen, Tanzen, Küssen und Fummeln. Wir brauchen Orte, in denen sich alle wohlfühlen können, egal wo sie her kommen.

Wir, das Team der Schwulen Sau, machen heute zusammen mit den Queer Refugees Hannover unseren Stand auf diesem CSD und freuen uns über die schönen Abende und die Freundschaften, die durch unsere Zusammenarbeit entstanden sind. Wir rufen dazu auf, queere Geflüchtete zu unterstützen!

Wir feiern den Aufstand von 1969! Und wir feiern uns!